Geschichte über die Zufriedenheit

Geschichte über die Zufriedenheit

Vor bald 15 Jahren hatte ich die Gelegenheit, 2 Monate durch Indien zu reisen. Einige Bekannte, die schon durch Indien gereist waren, warnten mich vor dem Kulturschock, den ich bei der Einreise erleben würde. Das Gegenteil war der Fall. Ich hatte meinen Kulturschock bei meiner Heimkehr: ich sass im Tram oder schlenderte durch Zürich und war schockiert. Was hatten diese Menschen? Unweigerlich kam mir das Lied von Mani Matter in den Sinn:

Warum syt dir so truurig?
Wohl, me gseht nech’s doch a
Söttet emal öiji Gsichter gseh,
wenn der fahret im Tram

Da leben die meisten in Zürich in einem angenehmen Wohlstand und daraus resultiert oft so wenig sichtbare Lebensfreude! Da verbrauchen wir dreimal so viele Ressourcen, wie es die nachhaltige Bewirtschaftung unserer Erde vertragen würde, und daraus entsteht nicht selten wenig Zufriedenheit! Da läuft doch was schief. Warum machen wir das nicht anders? Warum hatte ich den Eindruck, dass viele Menschen in Indien zufriedener waren als der Durchschnitt in der Schweiz? Am Wohlstand allein kann es wohl nicht liegen, aber an was denn? Also fragte ich meine Mutter. Sie sitzt jetzt allein in ihrem Zimmer im Altenheim, diese Woche positiv auf Covid getestet. Das findet sie natürlich gar nicht lustig. Vieles in ihrem Leben fand sie gar nicht lustig. Als Bauernfrau in einem Mehrgenerationenhaushalt mit grossen Konflikten war das Leben oft hart. Später aber konnte sie über etliche Jahre den Ruhestand mit meinem Vater im Altensitz auf dem Hof geniessen. Dann kam vor drei Jahren der grosse Bruch. Kurz vor Weihnachten starb mein Vater und sie musste ins Heim umziehen. Innert einer Woche verlor sie, was über 60 Jahre ihre Heimat war, den Lebenspartner und den Hof. Natürlich war das alles andere als leicht für sie. Aber ich staunte, wie positiv und gefasst sie auch diesen Übergang gestaltet hat. Voller Freude und Stolz erzählte sie bald, wie sowohl andere Bewohner und Bewohnerinnen als auch Pflegende Freude an ihr haben. Sie vertiefte alte Kontakte, knüpfte neue an. Wie machst du das, solche Freude und Zuversicht auszustrahlen? fragte ich sie. Sie verwies zuerst auf ihre Veranlagung. Dann merkte sie an, dass sie schon versuche, in allem das Positive zu sehen. Ich sehe noch anderes. Ich glaube es hat viel mit den Erwartungen zu tun. Meine Mutter hat weder die Erwartung, dass das Leben immer nur einfach verläuft noch erwartet sie auf der Ebene von Wohlstand sehr viel. Das macht ihr Leben viel einfacher und zufriedener. Sie hat eine grosse Freude an allen Begegnungen und kann die Dinge und Ereignisse sehen, die wunderbar sind, auch wenn sie noch so unspektakulär sind. Ich glaube das ist es, was Freude und Zuversicht fördert.

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