Geschichte vom Schneeflöckchen

Geschichte vom Schneeflöckchen

Ich warte drauf
Dass Glück vom Himmel fällt
Und der Boden unter meinen Füßen
Endlich hält
Kein Erdrutsch mehr
Die Steige eben
Gerade wird
Was krumm gewesen

Ich saß am Fenster und schaute in den weißgrauen Himmel. Die Heizung wärmte mich, in meiner rosanen Strumpfhose, die so gar nicht zu meinem karierten Rock mit den roten Borten passte. Das sagte meine Mama jedenfalls, aber zu Hause durfte ich anziehen, was mir gefiel. Ich kniete auf meinem Bett und stütze mich auf das kalte Fensterbrett aus Stein. Nein, dachte ich, ich würde nicht eher fortgehen, bis endlich mein Glück vom Himmel fiel: Der erste Schnee in diesem Winter. Ich wartete schon so lange darauf. Und ich war sehr geduldig. Gefühlte Stunden saß ich schon so dort, da viel mir ein, dass ich ja mal etwas neues probieren könnte. Ich begann zu singen: Schneeflöckchen Weißröckchen. Vielleicht ließ sich der Schnee ja herbeirufen? Wann kommst du geschenkt? Ich fixierte den Himmel mit meinen Augen und sang den Wolken zu. Komm setz dich ans Fenster, du lieblicher Stern, und ich stelle mir vor, welche Blumen und Blätter die Kristalle wohl an mein Fenster und auf meine Nase zaubern würden, wusste genau, wie sich der Schnee auf meiner Hand anfühlen würde. Ich hatte Schnee so gern und wünschte mir nichts mehr, als das. Ich würde nicht eher gehen, bis der Himmel sich öffnete. Also blieb ich am Fenster wartete ich weiter. Und sang weiter. Alle drei Strophen. In Dauerschleife. Ich weiß nicht mehr, wie lange.  Aber ich erinnere mich genau, wie ich ganz fest glaubte: Jemand hört mich. Und ich dachte, wenn ich nur lang genug singen würde, dann würde es schneien. Also machte ich einfach immer weiter. Ein ganzer Nachmittag verging bis es irgendwann tatsächlich schneite.

Ich warte darauf
Dass einer kommt und sich kümmert
Und alles schwere in mir
Auf seine Schultern nimmt
Ein Gott wie ein held
Der aufsteht, wenn er hinfällt
Und diese Welt
Auf ewig in Frieden zusammenhält

Ich bin längst nicht mehr 6, sondern 7 Jahre alt.
Ich habe gelernt, dass das Glück nicht einfach vom Himmel fällt
Wie Schnee oder goldenen Sterntaler.
Auf Vieles habe ich bis hierher vergeblich gewartet:
Darauf, dass wir wieder innen alten Wohnort zurück ziehen, zu meiner liebsten Freundin.
Dass dieser eine Junge mich zurück liebt.
Darauf, dass mein erste Mal romantisch und schön wird.

Darauf, dass mein totes Kind wieder lebendig wird.
Auf den zweiten Strich auf dem Schwangerschaftstest
Darauf, endlich erwachsen zu werden
Und anzukommen in diesem verrückten und unvorhersehbaren leben.

Aber ich habe nicht vergessen, wie das geht. Das Warten und Wünschen. Und manchmal hilft es eben doch. Es hilft mir, in diesem einen Moment, ganz fest dran zu glauben, das etwas einmal geschieht. Und hilft mir, das Zu sehen, was so leicht zu übersehen ist: Die leisen lichter. Den Zarten Glanz. Himmelspuren, nicht größer als ein Schneekristall. Und manchmal genau so schnell verschwunden, wie auf meiner Nasenspitze. Aber das Gefühl bleibt. Das kleine kribbelnde Glück auf meiner Nasenspitze. Und ich weiß, ich habe nicht vergeblich gewartet, denn ich werde zurück geliebt, in allen Widrigkeiten. Da ist etwas ganz kleines sehr viel größer. Das deckt nicht zu, was mir fehlt und worauf ich noch immer warte. Aber es verspricht, dass mein warten nicht  vergeblich. Einmal kommt die Zeit, dass Glück vom Himmel fällt, der Welt direkt in den Schoß.
Und wenn einer. Sagt,

Komm wünsch dir was,
dann wünsch ich mir das:
Heiland reiß die Himmel auf
Herab herab vom Himmel lauf
Reiß ab vom Himmel Tor und Tür
Und öffne schloss und Riegel für.

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