Geschichte von der gelben Frühstücksbox

Geschichte von der gelben Frühstücksbox

Ich möchte mit Euch eine Erfahrung teilen. Sie ist nicht einmalig in meiner Biographie. Sie passiert ab und zu mal, wenn es zu viel wird. Nämlich die Erfahrung, dass schon morgens nicht mehr genug Kraft da ist für den ganzen Tag. Konkret: Ich stehe zum Beispiel morgens bei uns in der Küche und schmiere die Pausenbrote für meine beiden Töchter. Für Ida ihre Lieblingscervelat-Wurst und für Anna Humus mit Käse. In Küchenpapier wickele ich die Brote ein wie kleine Geschenke. Schäle noch Möhren und wasche die Gurke. Dann packe ich alles zusammen in die Frühstücksboxen. Anna hat eine blaue und Ida eine gelbe. 

Als ich Idas Box schließen will, bricht der Plastikverschluss ab. „Ach, man!“ denke ich. Und plötzlich verlangsamt sich alles, bricht auch meine Routine ab. Ich schaue lange auf das kleine gelbe Plastikteil vor mir und merke, wie die Kraft entweicht. Es ist wie bei einem Luftballon, bei dem man die Luft raus lässt. Ich weiß: Schublade auf, da liegen noch ganz viele andere Tupper-Boxen, und einfach umpacken. Fertig ist die Kiste. Aber ich bewege mich nicht. Und dann kommt mir in Gedanken, was ich mir heute alles vorgenommen habe, damit die alltägliche To-Do-Liste nicht noch länger wird. Was, wenn noch mehr bricht? Wenn noch mehr nicht gleich auf Anhieb klappt? Dann schaffe ich es nicht. Und dann wird die Liste doch länger. Ich stehe am Küchenblock und starre auf die kaputte gelbe Box mit Brot-Geschenk, Möhre und Gurke. 

„Man Alexander, stell dich doch nicht so an.“ ruft mein Über-Ich aus der moralischen Abteilung in meinem Bewusstsein. Aber es ist manchmal so: Ein kleiner Bruch im Tagesablauf und die Selbstzweifel ploppen hoch. „Bin ich für dieses Leben eigentlich gemacht und richtig ausgestattet? Warum frage ich mich solche bescheuerten Dinge, nur weil eine Frühstücksbox kaputt gegangen ist? Ticke ich noch richtig? Bin ich zu sensibel?“

Dann fällt mir meine Englischlehrerin ein: „Denkt nicht so lange darüber nach, wie ihr etwas schaffen wollt, macht es einfach.“ Macht es einfach – wenn das so einfach wäre! Aber es stimmt. Es geht jetzt nicht anders. Jetzt geht es gerade nicht anders. Aber am nächsten Sonntag werde ich mich einfach in den Wald setzen und nichts machen. Auch wenn’s regnet. Einfach nichts machen und spüren, dass es größeres gibt, als eine Frühstücksbox. Ich mache die Schublade auf, hole ein dickes grünes Gummiband raus, schließe die gelbe Box und wecke die Kinder.

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