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Das Französische Doppelbett

Das Französische Doppelbett

Es muss so kurz vor oder nach der Jahrtausendwende gewesen sein. Wir waren Studenten, und in Berlin
wurde noch viel umgezogen. Irgendwie zogen fast alle, die ich kannte, immer wieder um, und es gab
jedes Mal genug von uns, die dabei halfen.
In der Woche vor diesem Umzug, von dem ich jetzt erzählen möchte, hatte ich gefastet. Nicht etwa, um
abzunehmen, und auch nicht aus religiösen Motiven, sondern weil ich die Erfahrung mochte, dass sich
mein Körper anders anfühlte. Man brauchte zwar ein bisschen länger, um morgens auf Trab zu kommen,
aber es fühlte sich konzentrierter an und irgendwie bewusster.
Jetzt aber stand dieser Umzug an. Ein Freund von mir zog um, ein Schauspieler, Sänger und
Liedermacher. Natürlich ohne Umzugsunternehmen, klar, aber er hatte Freunde mit großen
kastenwagenähnlichen Fahrzeugen, und wir waren insgesamt so einige, die da halfen. Wir trafen uns in
seiner alten Wohnung, im ersten Stock, Vorderhaus, Friedrichshain in der Nähe vom Ostkreuz. Das
schien einfach. Seine Mitbewohnerin zog ebenfalls aus, in eine andere Wohnung, und es war ihr
Aquarium zu transportieren, mit etwas Wasser und zwei Wasserschildkröten darin. Er selbst hatte einiges
an Mobiliar angesammelt: Aus irgendwelchen Gründen, die er uns erklärte, aber ich habe sie längst
vergessen, besaß er nicht eine Waschmaschine, sondern zwei. Gut. Darüber hinaus zog aber so einiges
mit um, was man als gewöhnlicher Mensch nun eigentlich nicht mit durchs Leben schleppt, sondern wohl
nur, wenn man freier Schauspieler ist und viel auf Mittelaltermärkten und auf kleinen Bühnen spielt. Da
war einiges an sperrigen Requisiten in den Transporter zu laden: Ich erinnere mich eindrücklich an ein
großes hölzernes Eichenfass, auf dem er auf der Bühne sitzen oder aus dem heraus er überraschende
Auftritte beginnen konnte. Das musste mit. Der Höhepunkt des Umzugs war aber das Bett. Er besaß ein
Französisches Doppelbett, zwei Meter mal einsvierzig, nicht auseinanderzunehmen, aus Gusseisen. Wir
stellten uns zu fünft oder sechst um das Bett herum, machten hoo-ruck! – und hoben es mit aller Kraft
zwei oder drei Zentimeter in die Höhe. Ließen wieder ab, schauten uns an – und konnten alle nicht anders,
als zu lachen. Das Ding konnte echt unmöglich ernst gemeint sein, bei aller Freundschaft, auch wenn
Aufgeben natürlich auf keinen Fall galt – das wäre ja gelacht!
Die zweite große Überraschung war dann das Ziel des Umzugs: Er hatte eine Wohnung aufgetan, nördlich
des heutigen Hauptbahnhofs, in einem der letzten alten Häuser an der Heidestraße, die zu diesem
Zeitpunkt noch standen. Die Wohnung hatte den Vorteil, dass sie nahezu mietfrei war, da das Haus wohl
bald abgerissen werden würde. Außerdem hatte man von ihr aus einen wunderschönen Ausblick, denn sie
lag ganz oben, im 5. Stock. Auf der Treppe, die nach oben führte, waren einige Stufen markiert, die auf
keinen Fall betreten werden durften, da man Gefahr lief, durchzubrechen. Wir also mit dem
Französischen Doppelbett in dem engen Treppenhaus, und immer reihum einer voraus, der die Aufgabe
hatte, auf die maroden Treppenstufen zu achten. Ich weiß nicht mehr, wie wir oben ankamen. Ich weiß
aber noch, dass ich in den Tagen darauf die Erfahrung machte, wie man sich fühlt, wenn man sich am
Ende einer Fastenwoche vollkommen überanstrengt, und dass der Körper auch Grenzen kennt, die wir im
Alltag unseres Lebens ja nur sehr selten kennenlernen. Von daher bin ich ihm heute tatsächlich für die
Intensität dieser Erfahrung dankbar, dem Französischen Doppelbett aus Gusseisen.

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