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Der Essigbaum

Der Essigbaum

Als ich Kind war und noch so spielen konnte, da gab es diesen Garten rund ums Haus. Mit einer Hecke drumherum. Also nicht eigentlich einer Hecke, sondern wunderbarem Gebüsch aus unterschiedlichsten Sträuchern und kleinen Bäumen, in denen man sich wunderbar verstecken bzw. auf die man wunderbar klettern konnte, wenn man ein Kind war.
Die Bäume und Sträucher hatte jemand vor meiner Zeit gepflanzt, die meisten davon sogar, bevor meine Eltern dort wohnten. Und derjenige hatte unter anderem auch einen Essigbaum gepflanzt - eigentlich sogar zwei, an unterschiedlichen Stellen des Gartens.
Man kann das verstehen: Essigbäume sehen sehr hübsch aus.
Als Kind mochte ich die Pflanze sehr. Eine Zeitlang hatte ich die Vorstellung, sie könnte nützlich sein und versuchte mir vorzustellen, wie aus dem kleinen Baum wohl Essig gewonnen werden könnte. (Versucht habe ich es nie, glaube ich.) Und man konnte zwischen den Stämmen und auf den Ästen ziemlich leicht nach oben klettern, und da saß man dann in anderthalb Meter Höhe, als Pirat oder ein sonstiger Räuber, wenn man ein Kind war.
Etwas später, als ich alt genug war, ein bisschen bei der Pflege des Gartens zu helfen und beim Rasenmähen, lernte ich dann die für Erwachsene bemerkenswerteste Eigenschaft des Essigbaums kennen:
Es gab kein Mittel dagegen.
Der Auftrag wurde mit der Zeit immer wichtiger: Den an den verschiedensten Stellen und Ecken des Gartens aus dem Boden sprießenden Nachwuchs der Essigbäume aus dem Boden zu reißen. Und man verstand als schon etwas größeres Kind auf einmal eine Geschichte aus der griechischen Mythologie - den Kampf des Helden Herakles gegen die vielköpfige Schlange Hydra. Für jeden Kopf, den er der Schlange abschlug, wuchsen zwei neue nach. Der Dichter dieser Sage musste wohl ebenfalls Essigbäume im Garten gehabt haben: Man konnte grobe Handschuhe anziehen und die sprießenden Bäumchen ausreißen, wieviel man wollte, man kam nicht hinterher. Der Rasenmäher säbelte immer wieder ab, was da wuchs, aber auch das schien der Pflanze aufs Ganze gesehen egal zu sein.
Vielleicht hätte die radikale Lösung hergemusst - mit Hacke und Spaten, vielleicht sogar mit Hilfe einer darauf spezialisierten Gärtnerei, einer Art botanischem Kammerjäger. Aber das hätte sich, zumindest für mich, nicht richtig angefühlt; ich mochte die Essigbäume ja.
Heute erkenne ich sie an vielen Stellen wieder, diese Essigbäume. Es gibt sie im Leben immer wieder: An sich schöne Dinge, schöne Begegnungen - bei denen wir aber keine Wahl haben. Sie sind nun einmal da, und sie werden bleiben, das entzieht sich unserem Einfluss. 
Und letztlich ist auch das ein schönes Gefühl, nicht immerzu alles unter Kontrolle zu haben.
Das allermeiste ist ja vergänglich in unserem Leben und in unserem Miteinander.
Außer der Essigbaum. Der bleibt.

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