Geschichte einer Begegnung mit Nacktschnecken

Geschichte einer Begegnung mit Nacktschnecken

Ich will euch heute von Nacktschnecken erzählen.
Ich erinnere mich, dass ich einmal eine Nacktschnecke auf eine Warze an
meinem Fuß gesetzt hatte. Mach das, riet mir meine Oma, und rede ein wenige
mit dem Tier und mit der Warze. Dann ist sie bald verschwunden. Mit gerade
mal 12 Jahren vertraute ich ihren Worten blind und sehe mich noch in ihrem
Garten sitzen, eine schleimige Schnecke auf meinem Fuß.
Ich erinnere mich auch daran, diese Tiere aus einem anderen Garten vom Boden
zu pflücken und über den Zaun in den Nachbargarten zu werfen. „Die Viecher
versauen mir noch mein Beet.“ Dieselbe Oma.
Ein anderes Mal sah ich meiner Freundin dabei zu, wie sie mit morbider Freude
Eierschalen zerbröselte und mit Kaffeesatz mischte – und diese tödliche
Mischung in ihrem Beet gegen die kleinen Salatknabberlinge verteilte.
Wieder ein anderes Mal ging ich nach dem Regen durch nasses, hohes Gras
spazieren. Noch nie zuvor in meinem leben hatte ich derart viele
Nacktschnecken auf einmal gesehen. Da war kaum ein durchkommen. Es gelang
mir nur mit sehr tiefem Bodenblick, ganz langsam und vorsichtig einen Fuß vor
den anderen setzend keines von diese Tieren unter meine Füße zu kriegen – und
leider war meine Erfolgsquote nicht bei 100%.
Neulich bin ich ihnen wieder begegnet. Diesmal im Wald.
Ich brauchte eine Auszeit von von allem, das mich grad beschäftigte und
forderte. Zeit für mich. Zeit in der Natur. Ganz allein. Ohne streitende Kinder,
ohne Corona, ohne diese laute Stadt, ohne all die Begehrlichkeiten und
Befindlichkeiten anderer Menschen, die der Job einer Pfarrerin mit sich bringt.
Einmal raus aus meinem Alltag bitte. So oft denke ich, ich kann nicht mehr. Ich
will so nicht weitermachen. Mein Tag ist zu voll, das Leben zu viel, diese Welt
zu schnell. Ich muss raus. Mal anhalten.
Also fuhr ich in den Spreewald zu einem Naturritualtag. Ein Teil dieses
Naturritualtages bestand darin, 4 Stunden allein in der Natur zu verbringen, ohne
Handy, ohne Essen, nur meine Gedanken und Fragen, der Regen, eine Flasche
Wasser und ich.

Finde eine Schwelle für dich, lautete die Anweisung. Eine, über die du trittst,
um deine Auszeit zu beginnen, und eine, um sie zu beenden.
An meiner Eingangstür in den Wald begrüßte mich tatsächlich eine
Nacktschnecke. Sie war groß und braun und lang und es war mir tatsächlich, als
ob sie sich mir zuwendete und mich ansah und sagte: Willkommen. Eine
Schnecke ohne Haus. Nackt. Mit einer großen, weißen Narbe an ihrer rechten
Seite. Erstaunlich dachte ich bei mir, grüßte zurück und trat ein.
Im laufe der nächsten 4 Stunden begegneten mir diese Tiere immer wieder. Ich
folgte ihren Spuren, langsam und bedacht triefte ich durchs Dickicht, den Blick
nach unten gewandt, um Zusammenstöße der Art, wie ich sie bereits kannte, zu
vermeiden. Diesmal gelang es mir.
Irgendwann entdeckte ich auf einen umgekippten Baum zwei Nacktschnecken.
Sie saßen auf der Rinde nebeneinander, die Fühler und Köpfe eingezogen und
schliefen. Ich setzte mich neben sie. Der Regen prasselte auf das Blätterdach
und ich holte meine Kanne Tee hervor, goss mir ein und nahm einen wärmenden
Schluck. Ich verschmolz mit dem Grün und dem Braun um mich herum, war ein
Teil davon. Ich sah Rehe, Libellen und Vögel.
Nach einer Weile merkte ich, dass die beiden Schnecken neben mir aufwachten.
Langsam, ganz langsam streckten sie erst ihre Fühler hervor und dann ihre
Köpfe in die Luft. Wir saßen noch eine ganze Weile so nebeneinander. Als sie
sich in Bewegung setzten, war es auch für mich an der Zeit, aufzubrechen.
An der Schwelle heraus aus meiner Auszeit verabschiedetet mich ein paar
Nacktschnecken. Manche von ihnen begleiteten mich noch ein Stück über das
Feld, zurück zur Gruppe.
Und als ich meine Schneckengeschichte am Feuer erzählte, da hörte ich diesen
Satz – die Schnecken haben ihn in mein Herz gesagt – und ich hörte ihn wie im
Spiegel:
Es ist ok, ein anderes Tempo zu haben.

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