Geschichte über das Pilgern

Geschichte über das Pilgern

Offen sein für neues und unerwartetes, darin wurden wir alle in diesem Corona-Jahr gefordert. Vieles ging einfach nicht, wie wir es geplant hatten. Ich selber wollte mit einer Freundin im Spätsommer nach Island reisen, drei Wochen mit einem Camper herumcruisen. Ich habe mich riesig gefreut auf dieses Abenteuer. Als klar wurde, dass dies nicht möglich sein würde, war ich schon ziemlich enttäuscht. Doch lange blieb ich nicht an dieser Enttäuschung kleben: bald hatte ich die Idee von mir zu Hause auf dem Jakobsweg bis nach Genf zu pilgern. Mehr als ein paar Tage aneinander war ich noch nie zuvor gewandert. Wie würde es werden? Würde ich mich nicht allein und gelangweilt fühlen? Ja, es gab auch diese Momente, aber das simple Unterwegsein wurde zu einem riesigen Geschenk für mich. Zum Beispiel hatte ich das Gefühl, dass ich im Laufen so vieles hinter mir lassen konnte, was noch unverarbeitet war. Ein riesen Geschenk waren für mich die vielen Begegnungen. Da diese nicht auf Wiederholung angelegt sind, haben sie eine überraschend intensive Qualität. An viele davon erinnere ich mich mit grosser Freude. Zum Beispiel an eine spontane Einladung zum einem Geburtstagsfest.

Die eindrücklichste Begegnung war jene mit Denise. Sie erwartete mich vor einer Pilgerherberge an einem unglaublich schönen Ort kurz vor Lausanne. Sie erzählte ihre Geschichte und zeigte dabei mit dem Finger auf ihren Bauch. 2011 hörte sie eine innere Stimme, die ihr sagte, sie müsse am Jakobsweg eine Pilgerherberge gründen. Sie kündigte ihren Job und ihre Wohnung und ging auf den Camino. Doch sie fand keinen Ort und keine Antwort auf den inneren Ruf. Sie jobbte und ging dann ein 2. Mal auf den Jakobsweg, wieder keine Antwort. Zurückgekehrt fand sie in einem alten Pfarrhaus, eine günstige Wohnung. Eines Tages rief sie ein ehemaliger Mitarbeiter an, der sich zum Diakon in der reformierten Kirche umschulen liess, und sagte, er hätte eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte: Er komme mit seiner Familie ins Pfarrhaus wohnen, sie müsse ausziehen. Die gute: Er interessiere sich für ihr Projekt. Daraufhin suchten sie Sponsoren und Freiwillige und realisierten die Herberge, die sie El Jire nannten. Das ist hebräisch und meint: Gott wird vorausschauen. Bei der Verabschiedung bekommt Jeder Pilger ein fünf Franken Stück. Rund um die schmale Seite ist in Lateinisch eingeprägt: Dominus providebit. Gott wird sich kümmern. Also: investiere in Innovation, aber wenn sich das Neue ereignen soll, musst du wohl Vertrauen und Geduld üben, bis es sich zeigt. Den Fünfliber trage ich noch immer bei mir.

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