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Geschichte vom Verzicht auf Selbstmitleid

Geschichte vom Verzicht auf Selbstmitleid

Nächsten Mittwoch ist Aschermittwoch. Ich mochte diesen Tag schon
als Kind. Es gab nur eine einfache Käsesuppe zu essen und in der
Kirche liessen wir uns in einem total archaischen Ritual Asche auf
das Haupt streuen. Wahlweise sagte der Pfarrer dazu: »Bedenke
Mensch, dass du Staub bist und wieder zu Staub wirst» oder « Kehr
um und glaube an das Evangelium. Bald darauf schaufelten wir die
im Winter angesammelte Asche im Keller in grosse Behälter und
verteilten sie als Dünger auf den Feldern. In der bäuerlichen Kultur,
in der ich aufwuchs, lernten wir Dinge ohne grosse Worte: nichts
bleibt wie es ist und was losgelassen wird dient als Dünger für
Neues.
Im letzten Jahr bot ich mit einer Kollegin am Aschermittwoch einen
Workshop mit Ritualen zum Loslassen an. Mit verschiedenen
Übungen spürten wir nach Haltungen und Zuständen, in denen wir
feststecken. Ich selber hatte in den ersten Monaten des letzten
Jahres eine schwierige Zeit. Ich hatte verschiedene Verluste zu
verarbeiten und fühlte mich oft einsam. In einem bis dahin nie
gekannten Ausmass machte sich ein Gefühl von Verlassenheit breit.
Ich meldete mich auch bei Bekannten nicht mehr – ein bisschen
auch als Test um herauszufinden, wer wirklich an mir interessiert ist.
Es wurde still um mich. Obwohl ich sonst Stille sehr mag und auch
kultiviere, das tat mir nicht gut. Mehr und mehr fühlte ich ein
Selbstmitleid in mir wachsen.
In dieser Stimmung ging ich am Aschermittwoch in den Workshop
und gab in den Übungen all diesen Gefühlen von Verlassenheit und
Selbstmitleid Raum. Irgendwie merkte ich, dass das Ganze sich wie
ein Sumpf anfühlte. Ich spürte aber auch deutlich, dass ich ein
stückweit entscheiden konnte ob ich darin weiter feststecken will.
Wir machten dann zum Schluss des Workshops ein Ritual, bei dem
wir jemanden bitten konnten, mit Asche ein Zeichen auf unserem
Körper zu machen. Ich bat eine Frau darum, die ich erst an diesem
kurzen Workshop kennen gelernt hatte. Als sie mir auf meine Bitte
hin mit Asche eine Spirale auf den Körper zeichnete, sage sie
spontan: «Aus Selbstmitleid wird Selbstliebe.» Wow, das hatte eine
ungeheure Wirkung auf mich. Ich spürte sofort, wie ich verzichten
konnte, mich im Selbstmitleid einzurichten. Und ich merkte auch,
wie ich verzichten darf, alles mit mir selber auszumachen.
Verzichten ist eben nichts rein Äusserliches.
Als dann bald darauf der Lockdown kam, war ich irgendwie gut
vorbereitet. Die Zeit des Selbstmitleides war vorbei.

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