Geschichte vom Warten

Geschichte vom Warten

Wir warten. Alle gemeinsam.
Mit einer Tasse Tee in der Hand. Und einem Kaffee.
Der Ort an dem wir warten ist hell und freundlich.
Weil hier Familie ist.
Das worauf wir warten ist beängstigend und unfassbar.
Wir warten auf den Tod.
Wir warten gemeinsam als Familie.
Wir sind vereint in Gemeinschaft und Schmerz.
Und dem Gefühl, dass die Zeit still steht und dass es jetzt endlich mal weitergehen
müsste.
Wir sind abwechselnd am Sterbebett.
Still, laut, lachend, weinend.
Gemeinsam singen, beten, vorlesen, erzählen, schweigen, starr sein vor
Fassungslosigkeit.
Mal sind wir gemeinsam im Zimmer. Und mal alleine.
Der Rest wartet in einem anderen Raum.
Auf den Tod warten.
Das bringt tausend verschiedene Gefühle mit sich.
Wann ist es endlich soweit?
Darf ich das überhaupt denken.
Ein schlechtes Gewissen.
Der Wunsch, dass man noch Jahre zusammen hat.
Das Wissen, dass das unrealistisch ist.
Begleiten, Dasein aber der sterbenden Person auch Ruhe und Zeit alleine lassen.
Die Realität, die einem nach einigen Tagen am Sterbebett zeigt, dass die eigene Seele
und der Körper kaum noch Kraft haben.
Die Seele ist zerrissen vom eigenen Schmerz, dem Schmerz der anderen, dem
Abschiedsschmerz der sterbenden Person.
Und gleichzeitig ist genau das eine zutiefst innige Erfahrung – all das als Familie zu teilen.
Und zwischen all dem – Gedankenblitze.
Wann geht es los?
Wann geht es endlich weiter?
Warum denk ich überhaupt sowas.
Was sollen diese Gedanken?
Sitzend warten.
Kann ich mich nochmal hinlegen?
Bin ich dann nicht da?
Komme ich zu spät.
Was ist hier gerade überhaupt richtig und was ist falsch?
Warten.
Kaffee trinken.

Kurz ruhen.
Und sitzen.
Stundenlang sitzen.
Versuchen etwas zu essen.
Abwarten.
Sehnsucht nach zu vielem.
Und dann kommt er – der Tod. Erwartet. Voraussehbar.
Und doch völlig überraschend und plötzlich.
Er schlägt ein wie eine Bombe.
Alles wird in Mitleidenschaft gezogen.
Man hat drauf gewartet. Und war dennoch nicht bereit.
Wird nie bereit sein.
Und dann wartete man wieder.
Dass der Schock aufhört.
Auf die Bestatterin.
Dass die Tränen irgendwann nicht mehr permanent laufen.
Dass man den Ort verlassen kann.
Dass der Kopf eine Pause macht.
Auf Ruhe.
Auf Gemeinschaft.
Darauf über diese Reise mit der Familie und Freunden zu sprechen.
Einiges ist schon eingetroffen.
Auf einiges warte ich noch immer.
Ich warte auf das Wiedersehen.
Sehnlichst.
Weil ich weiß, dass es der Tod nicht das Ende ist.

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