Geschichte von der Schluder-Schildkröte

Geschichte von der Schluder-Schildkröte

Ich bin Perfektionistin. Manchmal aus Leidenschaft. Und manchmal treibt sie mich in den Wahnsinn. Ich glaube, ich war schon immer so. Wenn ich was will, dann verfolge ich das mit viel Geduld, bis es richtig sitzt. Wie die Strumpfhose, die ich mir damals im Alter von anderthalb Jahren unbedingt allein, ohne Hilfe, anziehen wollte. Meine Mutter erzählt mir diese Geschichte oft – wie ich beharrlich jedes Angebot der Hilfe ausschlug und mit einer Engelsgeduld versuchte, meine kleinen Füße und Beine in die engen Wollschläuche zu friemeln. Und wie es mir schließlich, nach SEHR langer Zeit und vielen Versuchen gelang. 

So geht es mir heute noch. Ich kann mich lange an einer Sache aufhalten. Aber oft steh ich mir damit auch selbst im Weg: Ich sammle Ideen und Sachen für zukünftige Projekte und gehe sie gar nicht erst an, weil ich mir noch nicht ganz sicher bin, was zu einem perfekten Ergebnis noch fehlt. Die Bilder in unserer Wohnung zum Beispiel: Seit 4 Jahren wohnen wir hier in Berlin Schöneberg. Am letzten Wochenende haben wir endlich einen Großteil unserer Bilder aufgehängt. Und dabei musste ich immer wieder durchatmen und mir selber sagen: Du kannst sie nochmal umhängen. Ein Loch mehr oder weniger in der Wand ist kein Problem!  

Als ich in die fünfte Klasse ging, da nähten wir im Kunstunterricht eine Schildkröte aus Filz. Sie bestand aus einem Ober- und einem Unterteil. Zuerst bekam sie Perlen-Augen und einen Panzer aus lauter bunten Stoffresten, Perlen und Glitzerzeugs. Stepp- und Kreuzstich. Dann nähten wir das Ober- mit dem Unterteil zusammen. Hohlsaumstich. Und steckten Füllwolle hinein. Der Hohlsaumstich und ich, wir kamen nicht so gut miteinander klar. Die Sommerferien rückten immer näher und ich kam einfach nicht über das linke Vorderbein und den Kopf hinaus. Immer wieder verhedderte sich der Faden. Nie waren die Abstände gleich groß. Also löste ich den Faden. Und begann noch einmal von vorn. Wieder und wieder. Dann kam der letzte Schultag. Meine Eltern würden mich mit dem gepackten Auto abholen und gemeinsam mit mir und meinen Geschwistern zu meiner Oma in die Ferien fahren. Sicher warteten sie schon draußen vor der Schule auf mich. Ich saß im Kunstunterricht. Letzte Stunde. Die Glocke klingelte. Und meine Schildkröte: Ein klaffendes Stück Stoff, zusammengehalten an etwa einem Drittel der Fläche – während andere Kinder gerade vorn bei der Lehrerin ihre zweite Schildkröte abgaben. Und jetzt ratet. Genau. Schöne Ferien. In denen ich mein Projekt zu ende bringen sollte. Grummelnd stieg ich zu meinen Eltern ins Auto. In der Hand ein grünes Ding aus Filz, von dem eine Nadel an einem Faden hing und zu allen Seiten Füllwolle herausguckte. Und während meine Geschwister auf der Fahrt zu meiner Oma mit Peter Maffay alle Tabaluga-Lieder rauf und runter sangen, Kennzeichen-Raten und Ich-sehe-was-das-du-nicht-siehst spielten, mühte ich mich mit dem Faden ab. Am meisten hasste ich es, dass er so schnell verbraucht war. Und ich immer wieder einen neuen Faden vernähen, abschneiden und einfädeln musste. Diese Unterbrechungen, schrecklich. Irgendwann reichte es mir. Ich riss den allerlängsten Faden ab, dröselte das zerrupfte Ende irgendwie durch das Nadelöhr und nähte Hohlsaumstich im Akkord. Mir war jetzt egal, dass der Faden sich immer mal wieder verhedderte, dass der Hohlsaumstich hier und da gänzlich undefinierbar aussah und dass die Abstände zwischen den Stichen immer größer wurden. Am Ende würde schon eine Schildkröte dabei herauskommen. Plötzlich ging es leicht. Ein Stich nach dem anderen. Nur nicht zu genau hinsehen. Im Nu war ich fertig. Doch – das hier war eindeutig eine Schildkröte. Ich erinnere mich noch an die vielen Stellen, aus denen die Füllwolle fusselte. Und an den Weg des Hohlsaumstiches – von der Akkuratesse hin zu einer gewissen Schludrigkeit.  

In diesen Tagen fange ich immer wieder neu mit mir selbst von vorne an. Und meine Schluder-Schildkröte von damals hilft mir dabei. Es ist für mich immer wieder eine Herausforderung, meine eigenen Ansprüche runterzuschrauben. Mir selbst zu genügen. Ganz besonders in dieser Zeit – wie sie eben gerade ist. In der alles weiter läuft, und zwar gleichzeitig. In der die Verantwortung für eine ganze Menge Dinge bei mir selber und bei uns als Familie liegt: Unsere Wohnung ist gerade wieder Büro für 2, Schule, Kita und Kantine. Das bedeutet: Gute Absprachen. Wer wann welche Arbeiten übernimmt – in Care und Office. Das bedeutet auch: Viel Raum für Flexibilität – im Minutentakt. Gerade kann ich das nur aushalten, indem ich mich von dem Druck befreie, den ich mir oft selber mache. Die Kinder drehen frei? Ok, dann gibt’s die Medienzeit eben schon am Vormittag. Die Reste vom Mittagessen stehen um 3 noch auf dem Tisch? Macht nichts, jetzt ist Schreibtisch-Zeit. Im Kinderzimmer spielen grad zwei wie ein Herz und eine Seele? Endlich Me-Time. Wie lange es wohl dauert, bis die Fetzen fliegen? Keine Ahnung. Aber Jetzt. Jetzt ist Luft, endlich was für mich zu tun. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand auf dem Sofa sitzend die Wand anzustarren. Musik laut aufzudrehen und durchs Chaos zu tanzen.  

Ich brauche diese Schildkröte gerade mehr denn je. Sie erinnert mich daran, dass es Dinge gibt, die wichtiger sind als Akuratesse und vermeintlich Perfektes. Und daran, dass ich Loslassen darf: Meine Idee davon, allen gerecht zu werden – den Kindern, dem Mann, der Arbeit, mir selbst. Meine liebe, grüne, Fusselschildkröte mit den ungleichmäßigen Linien. „Verheddern ist Leben“, sagt sie. Und dass so ein paar Fusseln ja wohl nicht schlimm sind, im Gegenteil: „Schön ist das, wenn du etwas von deinem Innen und deinem Echten nach Außen dringen lässt.“  Also halte ich an. Schüttel den Druck ab. Und atme durch. Dann nehme den Faden noch einmal neu auf – mit einem Faible für eine gewisse Schludrigkeit. Improvisiert und unperfekt. Weil so Leben geht, und Durchkommen. Gerade jetzt. 

© Andrea Kuhla 

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