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Geschichte von Gottes Scheitern

Geschichte von Gottes Scheitern

Ich dachte, ich hätte sie verloren. Wie, das weiß ich gar nicht genau.
Vielleicht war sie mir aus der Hand geglitten. Oder aus der Tasche
gefallen. Vielleicht hatte ich sie verlegt oder aus den Augen verloren.
Ich habe sie überall gesucht, jeden Teppich umgedreht, alle
Schubladen durchwühlt, in alle Ecken geleuchtet. Sie war nirgends zu
finden. Ich fühlte mich elend. Ich machte mir Vorwürfe: Ich hatte
nicht gut aufgepasst, nicht genug gesucht. Und wie um alles in der
Welt hatte ich sie überhaupt erst verlieren können? Musste das denn
ausgerechnet mir passieren?! Sie hat einen unschätzbaren Wert für
mich. So viele Erinnerungen verbinde ich mit dieser Münze, und
wenn ich sie in meiner Hand halte und betrachte, dann erzählt alles
an ihr davon. Ihre Prägung. Die kleine Kerbe an der Unterseite. Ihre
Patina an manchen Stellen. An vielen Orten ist sie schon gewesen,
manche davon waren dunkel und kalt, andere warm und voll guter
Dinge. Wenn ich 100 Münzen in der Hand hielte, ich könnte sie mit
meinen Fingerspitzen ertasten und mit bloßem Auge erkennen. Und
jetzt war sie verloren, und es lag an mir.

Glaub mir, ich kenn mich aus mit dem Verlieren und Verloren sein.
Ich weiß, wie es ist ein Stück von sich selbst nicht mehr zu finden –
weil man müde ist, vom zu viel Arbeiten und zu viel Liebhaben, und
davon, das Leben Anderer ein Stück mit zu leben. Ich kenne das

Gefühl, etwas nicht geschafft zu haben: Die Welt zu verändern, es
wenigstens ein klein wenig besser zu machen und lebenswerter – am
Ende war da das ganz große Scheitern. „Kreuzige ihn“ haben sie
gesagt. Und nichts, das ich in diesem Moment hätte tun können,
hätte etwas in diesen Herzen verändert.

Ich habe mein Geldstück wieder. Ich habe nicht aufgehört, danach zu
suchen, bis ich es fand, und jetzt liegt es in meiner Hand und ich
freue mich und lass es nicht los. Denn in jedem Scheitern liegt ein
neuer Anfang, in jedem Sterben Auferstehn.

Glaub mir, ich kenn mich aus mit Halten und Gefunden sein. Ich weiß,
wie es geht und es liegt an mir. Ich suche dich, bis ich dich finde. Wir
sammeln dich wieder zusammen und alles, das du von dir verloren
geglaubt hast, jedes Teil von dir, das dir aus deinen Händen geglitten
ist. So wie du bist du gut, mit deiner Patina und deinen Kerben, mit
deinem Glanz und dem, was dich geplagt hat. Du bist gut und du bist
genug.

›Freut euch mit mir!
Ich habe die Silbermünze wiedergefunden,
die ich verloren hatte.‹

Die Bibel, Lukas 15,9

Eine Antwort

  1. Was für eine schöne Geschichte! Vielen Dank!

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