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Vom Backen ohne Mehl

Vom Backen ohne Mehl

Ich habe einmal gelernt, dass das Geheimnis des Backens darin liegt, sich bei jedem Schritt ganz stringent an das Rezept zu halten. Denn das Weglassen oder Hinzufügen an Zeit oder Zutaten führt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dazu, dass das Backwerk ganz anders aus dem Ofen kommt, als erhofft: zu süß, zu fad oder in sich zusammengefallen. Wenn man beim Backen nicht genau nach Rezept geht, Schritt für Schritt, dann geht irgendetwas nicht auf – im Zweifel der Teig. Wohingegen man sich beim Kochen, insbesondere zu zweit, gut und gern mal drüber streiten kann, ob man nicht hiervon oder davon etwas mehr oder weniger – ihr kennt das.

Mein liebster Back-Buddy ist meine Freundin J. aus Belfast. Wenn wir einander besuchen, dann backen wir zusammen. Das ist unsere heilige Zeit. Ohne Lärm ohne Fassade. Das war beim ersten Mal so. Da standen wir in der Küche ihres Elternhauses, um Brownies zu backen. Wir machten es uns dort so richtig gemütlich. Legten unsere Lieblingsmusik in den CD-Player. Setzen Wasser auf für Tee mit Milch und einem Löffel Zucker. Wir holten Waage, Messbecher und Schüsseln aus den Schränken, und unsere Freuden und Sorgen aus unseren Herzen hervor. Neben Holzlöffel und Mixer legten wir unsere Tränen und unser Lachen. Stellten alle Zutaten bereit und unsere Fragen: Nach dem Zuviel und dem Zuwenig im Leben und wie es wohl gelingen könnte. Und während wir sprachen über Gott und die Welt buken wir: 

Gaben Zucker zu weicher Butter. 

Schlugen die Eier auf. 

Rührten alles schaumig. 

Taten Vanille dazu, einen Teelöffel, 

und geschmolzene Schokolade. 200 Gramm. 

Wir rührten und redeten, lachten und weinten. Holten das letzte Jahr auf, in dem wir uns nicht gesehen hatten. Redeten über Gott und wo wir ihn finden und er uns. Teilten unsere Verwundungen und unsere Liebe, träumten von einer gerechten Welt und einer Kirche, die Platz für alle. Stellten fest, dass sich diese Lebensdinge eben meistens leider nicht so einfach backen lassen. 

Dann füllten alles in eine Auflaufform und schoben es bei 160 Grad in den Ofen. Mit unserem Tee in der Hand standen wir da, blickten auf die braune Masse und genossen, dass ein wohliger Duft die Küche durchströmte und das Gefühl von Zuhause und Angekommen sein unsere Herzen füllte. Minuten lang Moment standen wir so glücklich schweigend vor dem Ofen. Und dann schwante uns, dass wir etwas vergessen hatten. Wir schauten einander an uns beschlossen, noch einmal das Rezept durchzugehen: 

Butter, Eier, Zucker; Schokolade, Vanille, Natron und Mehl. 

Mehl. Wir hatten tatsächlich das Mehl vergessen!!! Und fragten uns jetzt, wie um alles in der Welt so aus der braunen klebrigen Masse, die dort im Ofen bereits ihre Konsistenz veränderte, jemals wenigstens so etwas in der Art wie Brownies werden sollten. Kurzerhand holten wir die Form aus dem Ofen, wogen das Mehl ab und gaben uns alle Mühe, es ohne Klumpen irgendwie unter die braune Masse zu bekommen. Mit etwas Stolz und großer Erleichterung stellten wir nach der Backzeit fest, dass das Ergebnis zumindest geschmacklich passabel war. Äußerlichkeiten spielten schon keine Rolle mehr. 

Dass wir ausgerechnet das Mehl vergessen hatten. Diese eine, wichtige Zutat, die das ganze Universum in sich trägt: Korn auf dem Feld, das sich zur Sonne streckt und im Wind wiegt. Das stirbt. Zu Staub wird. Um dann wieder erweckt zu werden zum Leben. In einer Küche in Belfast. In Backstuben und Öfen auf der ganzen Welt. So viel Geheimnis im Mehl. So viel Leben, so viel Zuversicht.

Ich stelle mir manchmal vor, wie Gott sich das einmal ganz am Anfang genau so ausgedacht hat – das Rezept des Lebens. Wie sie in ihrer Küche stand und das Universum buk: Da fügte sie 3 Quäntchen Tränenglanz und 200g Fragen zusammen. Das verrührte sie mit lauter Liebe und Gerechtigkeit. Dann gab sie mit einem Lächeln ihr leises Auferstehn dazu, bis diese eine Zutat den ganzen Teig durchwirkt hatte – alles Leben, alles Sterben. Mit Freudenglanz in den Augen und Zuversicht im Herzen schob sie alles in den Ofen. Dann wischte sie die Hände an der Schürze ab und wartete. Trank eine Tasse Tee mit Milch und Zucker. Mehr gab es im Moment nicht für sie zu tun. Als der Kuchen aufgegangen war holte sie ihn aus dem Ofen. Sie streute kandierte Vergissmeinnnicht darüber und freute sich – denn sie sah mit Gewissheit und etwas stolz, dass das Ergebnis sehr gut war und für die Ewigkeit reichen würde.

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